Wenn der Chef weiß, was du privat machst …

Überwachung am Arbeitsplatz ist nichts Neues. Dank technischer Fortschritte nimmt sie jedoch ungeahnte Ausmaße an. Viele Unternehmen wissen nicht einmal, welche Informationen sie von ihren Mitarbeitern sammeln; wiederum andere nutzen diese Daten gezielt, um eine Atmosphäre der Angst zu schaffen. Aber was darf nun sein und was nicht?

Die Deutsche Bahn übertrieb es vor einigen Jahren mit der Mitarbeiter-Überwachung und musste dafür tief in die Tasche greifen: Das Unternehmen wurde zu einer Strafzahlung von 1,1 Mio. Euro verurteilt, weil es im Zuge einer breit angelegten Korruptionsjagd sogar Familienmitglieder von Mitarbeitern überwacht hatte. Die Datenschutzbehörde indes stellte fest, dass diese Massenüberwachung weit übers Ziel hinausschoss.

Überwachung heute – und was Sie dagegen tun können

E-Mails, Chats, Standortüberwachung, Handy- und Tabletdaten … heutzutage haben Unternehmen alle Möglichkeiten, die Arbeitsleistung ihrer Mitarbeiter permanent zu überwachen. Darüber hinaus liefern ihnen die gesammelten Informationen zahlreiche Hinweise auf die politische Einstellung, die Interessen und privaten Aktivitäten aller Angestellten. Und selbst, wenn diese Infos nicht „verwertet“ werden, fließen sie in den Gesamteindruck mit ein. Denn wenn der Chef politisch konservativ eingestellt ist und streng religiös, wird der freidenkende Angestellte, der politisch eher links angesiedelt ist, Misstrauen erregen. Da kann die Arbeitsleistung noch so gut sein, dem Vertrauensverhältnis wird die Kenntnis dieser Tatsachen nicht förderlich sein.

Grundsätzlich muss entweder der Betriebsrat oder der betroffene Mitarbeiter zustimmen, dass bestimmte Daten gespeichert werden. Das betrifft zum Beispiel GPS-Daten von Außendienstmitarbeitern, denen die Ortung das Führen eines Fahrtenbuches erleichtern soll. Doch wie verhält es sich, wenn das Dienstfahrzeug auch privat genutzt werden darf? Die abendliche Fahrt in einschlägige Lokale oder zum privaten Treffen mit Menschen, die vielleicht einer bestimmten Gruppierung angehören, kann da ganz schnell Konsequenzen nach sich ziehen. Und das, obwohl die Freizeitgestaltung niemanden etwas angeht.

Falle Firmenhandy

Auch die private Nutzung des Firmenhandys oder –tablets kann Folgen haben: Einträge in Soziale Netzwerke sind für die Firmenleitung ebenso nachvollziehbar wie die Tatsache, dass Mitarbeiter XY gerne E-Books über XYZ liest. Wenn Firmenleitung und Angestellte gleich „ticken“, ist ja noch alles in Ordnung. Doch was, wenn die privaten Aktivitäten des Mitarbeiters dem Boss nicht gefallen?

Natürlich darf die Freizeitgestaltung keine Kündigung nach sich ziehen. Doch mit ein bisschen gutem Willen lassen sich bestimmt andere Gründe finden, wenn die Firmenleitung das möchte. Wenn genügend Beweise zu finden sind, kann die Kündigung natürlich angefochten werden. Aber ganz ehrlich: Wer möchte gerne für einen Arbeitgeber tätig sein, der einem nicht vertraut? Oder der sich ins Privatleben einmischt?

In den USA kommt es sogar vor, dass Unternehmen die Privatwohnungen ihrer Angestellten überwachen. So weit ist es bei hierzulande zum Glück (noch) nicht. Doch auch bei uns sind die Eingriffe ins Privatleben mitunter sehr weitreichend. Wenn der Arbeitgeber jeden gefahrenen Kilometer kennt, die Gesundheit mittels Fitnesstracker überwacht wird, jeder angeklickte Link auf dem Smartphone und jedes gelesene E-Book bekannt ist, wird es Zeit, umzudenken. Deshalb: Fahrten außerhalb der Arbeitszeit lieber mit dem Privat-PKW zurücklegen, Fitnesstracker ablegen (aus Datenschutzgründen ohnehin empfehlenswert) und Firmenhandys nach Dienstschluss ausschalten. Chats und Social-Media-Zugänge haben auf dem Diensthandy ohnehin nichts verloren.

Klarheit dank EU-Verordnung?

Im Mai 2018 tritt eine entsprechende EU-Verordnung in Kraft, die neben dem Schutz von Kundendaten auch jenen von Mitarbeiterdaten regelt. Der Strafrahmen bei Verstößen dürfte Unternehmen zu einem sorgsamen Umgang mit diesen Informationen bringen: Bis zu 20 Mio. Euro Strafe können verhängt werden. Doch um auf der sicheren Seite zu sein, brauchen Firmen oft Nachhilfe.

Unwissenheit schützt bekanntlich vor Strafe nicht – Personalakten, E-Mails, GPS-Daten für elektronische Fahrtenbücher usw., Umfrageergebnisse, Bonussysteme, Gehaltsabrechnungen – diese und viele weitere Daten fallen in den meisten Unternehmen fast automatisch an. Um sich abzusichern, sollten Firmen ab einer gewissen Unternehmensgröße einen Datenschutzbeauftragten stellen, der ausreichend Zeit und Ressourcen hat, um sich mit den geltenden Richtlinien und Gesetzen vertraut zu machen.

Grundsätzlich sollten sich die Verantwortlichen aber auch die Frage stellen, welche Konsequenzen die permanente Überwachung ihrer Mitarbeiter nach sich zieht. Ein vertrauensvolles Arbeitsumfeld lässt sich damit nämlich kaum erreichen. Im Gegenteil: Überwachung nährt Misstrauen unter den Mitarbeitern sowie zwischen Mitarbeitern und Geschäftsleitung. Und argwöhnische Mitarbeiter neigen dazu, Dienst nach Vorschrift zu machen und Risiken zu scheuen. Viele neue Ideen und Innovationen könnten auf diese Art verloren gehen. Zusätzlich dürfte kaum ein Unternehmen daran interessiert sein, gute Köpfe mit Überwachung zu vergraulen. Denn im Zweifel werden sich gerade die besten Angestellten nach einer neuen Stelle umsehen, bei der sie auch die Freiheit haben, sich zu verwirklichen – ohne dass ihnen permanent jemand über die (elektronische) Schulter schaut.