Die Schere im Kopf

Eine Studie des Vodafone-Instituts beweist, was viele längst vermutet haben. Selbstzensur ist die Folge ständiger Überwachung. Doch wie wirkt sich dieser Umstand auf unser aller Leben aus?

WikiLeaks-Gründer Julian Assange nahm kürzlich zu den Ergebnissen der Studie Stellung: „Die Privatsphäre wird nicht zurückkommen, außer im Falle eines ökonomischen Zusammenbruchs, der die technologischen Möglichkeiten der Menschheit stark einschränkt. Der Grund warum dies so ist, liegt an den Kosten für die Umsetzung von Massenüberwachung. Alle 18 Monate halbieren sich diese in Folge des Kostenrückgangs für Telekommunikation, Überwachungshardware und Speichermedien. Die Kosten fallen schneller, als die Population der Menschheit anwächst. Massenüberwachung und Digitalisierung gewinnen das Rennen gegen die Menschheit und menschliche Werte. Das ist die Realität, mit der wir fertig werden müssen.“

Aus finanziellen Gründen ist also kein Ende der Massenüberwachung zu rechnen – ganz im Gegenteil. Solange der Wert unserer Daten derart hoch ist, dass sich ganze Unternehmenszweige die sprichwörtliche goldene Nase verdienen, wird sich nichts ändern. Immerhin ist eine gewisse Sensibilisierung der Bevölkerung im Gange: Immer mehr Menschen empfinden die Überwachung und Speicherung ihrer Daten und Kommunikationen als störend – in Folge üben sie Selbstzensur bei E-Mails, SMS, Chats usw.

Angst um persönliche Daten

56 Prozent der Deutschen sind der Meinung, dass ihre Daten nicht sicher sind – im Gegensatz zu ihnen glauben nur 17 Prozent, dass sie die volle Kontrolle über ihre Daten und Informationen haben. Neben Sozialen Netzwerken gelten vor allem Messanger-Dienste wie WhatsApp als wenig vertrauenswürdig.

Auf den ersten Blick mag die Schere im Kopf keine massiven Auswirkungen auf unser Leben und unsere gesellschaftliche Entwicklung haben. Bis man etwas genauer hinsieht. Julian Assange bringt seine Bedenken klar und deutlich zum Ausdruck: „Wenn man sich das soziale Verhalten in sehr angepassten, kleinen und isolierten Gesellschaften anschaut, wird deutlich, dass die Menschen beginnen sich anzupassen. Sie fangen an Sprachcodes zu verwenden, werden schüchtern und ängstlich. Anstatt kontroverse Diskussionen zu führen, wird in Andeutungen gesprochen.”

Für die Entwicklung der Gesellschaft ist freie Meinungsäußerung unumgänglich. Doch was, wenn sich Menschen aus Angst vor Repressalien nicht mehr trauen, ein Thema offen anzusprechen? Wir verlieren so eine wichtige Errungenschaft, die ohnehin erst sehr spät bei uns angekommen ist.

Massenüberwachung gegen Meinungsfreiheit

Die permanente Überwachung scheint derzeit ähnliche Auswirkungen zu haben, wie früher die Vormachtstellung von Staat und Kirche: Aus Angst, aufzufallen, passen sich immer mehr Menschen einer vermeintlich korrekten Meinung an. Doch was haben wir wirklich zu befürchten, wenn unsere Daten und alle persönlichen Informationen in diversen Datenbanken gespeichert werden?

In erster Linie denken Menschen wohl an Marketingfirmen, die ihnen ungefragt „personalisierte“ Werbeanzeigen unterjubeln. Ja, sie sind lästig. Und sie verführen uns womöglich dazu, etwas zu kaufen, was wir eigentlich gar nicht wollen. Onlineshops tun ihr übriges, indem sie die Preise an unser Kaufverhalten anpassen. Doch das eigentliche Übel steht uns noch bevor.

Neben scheinbar kostenlosen E-Mail-Anbietern und Messanger-Diensten sind es vor allem herkömmliche Suchmaschinen, die unsere Daten absaugen und verkaufen. Interessenten gibt es viele, wie zum Beispiel Versicherungsgesellschaften. Da wird jemand, der sich in medizinischen Foren engagiert und Krankheitsbilder recherchiert, schnell zum Risikofall – Ablehnung oder höhere Prämien sind die logische Folge. „Fortschrittliche“ Versicherungsgesellschaften könnten die Informationen auch gleich mit den Daten einer Fitness-App koppeln, um sich ein möglichst genaues Bild von ihren Klienten zu machen.

Wahrscheinliche Folgen des Datenverkaufs

Doch Versicherungen sind nur ein Teil des Problems. Als nächstes kommen Banken und Kreditanstalten. Was liegt näher, als die Vergabe von Überziehungsrahmen, Krediten oder auch Zinsgarantien an ein „sauberes“ Datenprofil zu knüpfen? Wer pro Monat einen gewissen Betrag beim Onlineshop seines Vertrauens ausgibt, wird automatisch mit höheren Kreditzinsen beglückt, schließlich kann man es sich offensichtlich leisten. Oder aber die Ablehnung folgt auf dem Fuße.

Natürlich gibt es kaum Grenzen für die Verwertbarkeit von Userprofilen. Berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, Leasing, Mietverträge, vielleicht sogar Kindergartenplätze – so gut wie alles lässt sich anhand der Daten „optimieren“. Zumindest, solange es ein einträgliches Geschäftsmodell ist.